*Ein Neusicht-Artikel*
Ich habe dieses Webinar nicht besucht, weil ich dort Kundin werden wollte, ich war einfach nur neugierig, neugierig darauf, wie ganz normale Menschen als Experten sichtbar gemacht werden. Wie „Experten“ aufgebaut werden und wie Bühne, Applaus, die perfekte Wirkung entstehen.
Ganz ehrlich? Ein Teil von mir fand das echt faszinierend… Die Mechanik dahinter ist der absolute Wahnsinn. Aus einem normalen Menschen wird in wenigen Minuten eine Marke und dass nur durch die richtigen Worte, Bilder, Musik und Inszenierung. Diese unglaubliche Dramaturgie dieses Webinars, die sofort das Gefühl erzeugen, dass jetzt etwas Großes beginnt.
Was mich überrascht hat, war nicht die Professionalität der Inszenierung, sondern wie gut sie auch bei mir funktioniert hat… Ich habe kurz geträumt, aber dazu später mehr.
Ein Stein bleibt ein Stein
Im Webinar gab es ein Beispiel, das es mir richtig angetan hat:
Ein Stein ist zunächst einfach nur ein Stein. Stellt man ihn jedoch unter einen Scheinwerfer, umgibt ihn mit Aufmerksamkeit, Werbung, Bedeutung und besonderen Menschen, wirkt er plötzlich wertvoll.
Der Stein selbst hat sich allerdings gar nicht verändert, nur der Rahmen wurde angepasst.
Genau dort wurde mir etwas klar: Wir bewerten Menschen oft nicht nach ihrer Substanz, sondern nach der Qualität ihrer Inszenierung.
Die neue Erkenntnis war nicht die Wirkung des Webinars
Meine unbequemste Erkenntnis war ich selbst…
Während ich dort saß, zuhörte und der Marketingveranstaltung folgte, begegnete ich plötzlich einem eigenen früheren Traum:
– sichtbar sein
– als Expertin wahrgenommen werden
– eigene Bücher signieren
– auf Bühnen sprechen
– echte Bedeutung spüren
Ich driftete kurz in die vorgestellte Inszenierung ab. „Lebe deinen Traum von den großen Bühnen, einer Gala-Veranstaltung, wir fliegen nach Dubai, New York und inszenieren einfach ein erfolgreiches Leben…“ Schon irgendwie geil, aber leider totaler Fake.
Ich glaube, viele von uns tragen diesen Wunsch in irgendeiner Form in sich.
Die entscheidende Frage ist allerdings: Suche ich echte Wirkung oder reicht mir das Gefühl, wirkungsvoll zu erscheinen?
Lektüre neben dem Webinar
Nebenbei lese ich aktuell ein kritisches Buch über die moderne Psycho- und Coachinglandschaft.
Anfangs fühlte ich mich davon persönlich angegriffen… Keine therapeutische Ausbildung, keine gesammelten Zertifikate, Studien und damit kein Recht, anderen Menschen Begleitung anzubieten, die sich für persönliche Entwicklung interessieren…
Inzwischen verstehe ich die zentrale Sorge jedoch besser. Psychologische Begriffe werden heute oft erstaunlich schnell und vor allem ungeprüft verwendet:
– Glaubenssätze
– Trigger
– Trauma
– inneres Kind
– Bindungsstil
– Persönlichkeit
– Narzissmus
Die Begriffe und Konzepte sind wissenschaftlich gut untersucht und zumeist deutlich komplexer, als sie in Social Media, Podcasts oder Ratgebern dargestellt werden. Sie werden teilweise aus den ursprünglichen psychologischen Schulen herausgetrennt und entfremdet… und genau hier wurde ich plötzlich sehr nachdenklich.
Persönliche Erfahrung ist keine psychologische Wahrheit
Das ist wahrscheinlich der wichtigste Satz, den ich aus diesem Tag mitnehme.
Wenn mir etwas geholfen hat, ist das selbstverständlich wertvoll.
Wenn eine Methode mich berührt hat, ist das für mich real.
Wenn ein Gespräch mein Leben verändert hat, nehme ich das ernst.
Allerdings folgt daraus nicht automatisch, dass dieselbe Erklärung für alle Menschen gilt. Ich meine damit nicht, dass persönliche Erfahrungen wertlos sind, es bedeutet nur, dass sie eine eigene wissenschaftliche Prüfung nicht ersetzen.
Zwischen diesen beiden Aussagen liegt ein riesiger und ganz ganz wichtiger Unterschied:
– „Mir hat das geholfen“
– „So funktionieren Menschen“
Der erste Satz ist reine persönliche Erfahrung. Der zweite Satz ist eine klare allgemeine Behauptung und ich habe gemerkt, wie schnell wir vom ersten zum zweiten springen.
Ich war nicht schockiert, sondern verwundert
Ich gehe aus diesem Webinar mit der Erkenntnis raus, wie leicht wir Menschen von Wirkung, Emotion, Anerkennung und psychologisch klingenden Erklärungen beeindruckt werden können.
Auch ich, weil ich ein Mensch bin.
Genau diese Erkenntnis hat in mir Neugier und damit eine neue Frage für mich selbst geschaffen: Wie unterscheide ich künftig zwischen persönlicher Erfahrung, plausibler Theorie und belastbarer psychologischer Erkenntnis?
Meine vorläufige Antwort: Ich beginne wieder bei den Grundlagen.
Ich habe mir bewusst grundlegende Psychologiebücher gekauft, um zu verstehen:
– Welche psychologischen Schulen gibt es mittlerweile?
– Welche Fragen beantworten sie?
– Was erklären sie gut?
– Wo liegen ihre Grenzen?
Wahrscheinlich werde ich mich dann später in einzelne Bereiche vertiefen, belege zeitnah ein Studienmodul oder einen Kurs und besorge mir auch das so geliebte Zertifikat 😉
Aber als erstes möchte ich nicht länger nur psychologische Begriffe sammeln, sondern lernen, sie korrekt einzuordnen.
Neusicht bedeutet für mich gerade etwas anderes als früher
Früher dachte ich, eine „Neusicht“ müsse Menschen Antworten geben, aber das ist Schwachsinn, „Neusicht“ beginnt ganz einfach mit einer ehrlichen Frage:
– „Was ist hier eigentlich belegt?“
– „Was ist Interpretation?“
– „Was fühlt sich nur deshalb wahr an, weil es gut erzählt ist?“
– „Welche Geschichte erzähle ich mir gerade selbst?“
Mein Fazit
Ich werde weiterhin lesen, weiter schreiben und beobachten.
Ich werde dabei allerdings ab jetzt sorgfältiger unterscheiden zwischen Erfahrung, Bedeutung, Theorie, Evidenz und Inszenierung.
Denn das ist nach diesen Erkenntnissen meine neue Form von „Neusicht“: weniger schnelle Antworten, mehr ehrliche Einordnung und die Bereitschaft, auch die eigenen Überzeugungen immer wieder zu hinterfragen.

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